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Re:Das silberne Pferd 08.05.2010 13:04:25 --- 2 Jahre her
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Eorn schaffte es tatsächlich, den Airag rechtzeitig bei Ravan abzuliefern. Durst würde auf dem Fest also keiner bekommen.
Während der festgesetzte Hochzeitstermin immer näher rückte, wurden auch alle anderen Vorbereitung nach und nach getroffen. Bei den Arbeiten verflog die Zeit wie im Flug. Doch jeden Abend, wenn sich Teschup allein in seiner Jurte schlafen legte, wartete er sehnsüchtig auf die Hochzeit.
Zwei Wochen wurde dann Jurte nach weiter außerhalb versetzt. So wollte es die Tradition. Zwei Wochen sollte der Bräutigam seine Braut nicht sehen dürfen. Zwei Wochen würde Teschup die Jurte nicht verlassen.
Dann endlich war Hochzeit
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Letzte Änderung: 2010/05/08 18:37 von Aleyah.
Grund: Link mit RP ergänzt
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Re:Das silberne Pferd 02.06.2010 22:56:16 --- 1 Jahr, 11 Monate her
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Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Kalyope erwachte. Schlaf verklebte ihre Augen und eine verschwitzte Haarsträhne hing ihr im Sichtfeld. Langsam versuchte sie sich zu strecken und war gerade dabei herzhaft zu gähnen, als sie den Arm bemerkte, der schlaff quer über ihrem Busen lag. Völlig erschrocken fuhr sie hoch und hätte fast einen schrillen Schrei ausgestoßen, doch dann kam die Erinnerung an den letzten Abend. Und die letzte Nacht. Ein träges, zufriedenes Lächeln legte sich auf ihre Züge, als sie daran dachte. Ihre Hochzeit. Ihre Hochzeit mit Teschup, der nun ihre Ehemann war und neben ihr genau so nackt lag, wie sie selbst. Vorsichtig drehte sie sich in seiner Umarmung um und schaute direkt in seine Züge. Er schlief noch friedlich, doch zeigte die Bewegung seiner Augen und ein leises Murmeln, dass er kurz vor dem Erwachen war.
"Guten Morgen, mein Schatz." flüsterte sie leise und streichelte über seine stoppelige Wange. Dann gab sie ihm einen sanften Kuss auf die Lippen, mit dem er endgültig aufwachte. In seinen Augen stand für einen winzigen Moment die gleiche Verwirrung, die auch in ihren Augen stand, doch dann erinnerte er auch er sich an alles. Sein Gesichtsausdruck war ein Spiegel ihrer selbst und als ihr das bewusst wurde, musste sie leise kichern.
"Wir müssen uns wohl noch daran gewöhnen, so aufzuwachen." neckte sie ihn und gab ihm noch einen Kuss auf den Mund.
"So geweckt zu werden, daran werde ich mich schnell gewöhnen." erwiderte er und rollte sich dann auf sie mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Seine Augen waren nur wenige Handbreit von den ihren entfernt. "Wie fühlst du dich?" fragte er mit einem Unterton in der Stimme, der irgendwo zwischen zärtlich und besorgt lag. Als sie vergangene Nacht ihre Ehe vollzogen hatten, hatte es Kalyope weniger weh getan, als sie befürchtet hatte. Aber nichtsdestotrotz waren die Schmerzen und das Zwicken nicht zu verleugnen gewesen. Genauso wie das andere untrügerische Zeichen dafür, dass sie jungfreulich in diese Ehe gekommen war.
"Es geht schon." beruhigte sie ihren Mann. "Aber wenigstens heute werde ich eine Pause brauchen." fügte sie langsam hinzu, musste dann aber lachen, als sie ein Stück weiter dachte. "Und zwing mich ja nicht zu reiten!"
"Ich werde dich zu überhaupt nichts zwingen." sagte Teschup ernst und küsste sie zärtlich. "Das weißt du doch."
"Natürlich weiß ich das, mein Liebster."
"Wir sollten aufstehen, bevor ein Betrunkener in die Jurte stolpert." sagte er dann wieder fröhlich und rollte sich von Kalyope runter. Diese beobachtete von ihrem Lager aus, wie er splitternackt aufstand und sich mit dem bereitstehenden, kühlen Wasser wusch.
"Ich glaube nachher werde ich nochmal in den Fluss springen." sagte er über seinen Rücken und fing bereits an sich abzutrocknen, während Kalyope noch das Spiel seiner Muskeln bewunderte und daran dachte, wie nah sich ihre Körper vergangene Nacht gewesen waren. Ja, es hatte weh getan. Aber es war nicht halb so schlimm gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte regelrecht Angst gehabt, die ihr Teschup aber langsam und bedächtig genommen hatte und insgeheim freute sie sich bereits darauf ihm wieder so nahe sein zu können - dann ohne Schmerzen. Sie wusste, dass sie es dann genießen würde.
"Willst du nicht aufstehen?" fragte er, als er bereits seine Hosen anzog.
"Doch, doch." antwortete Kalyope und wollte bereits das Laken von ihren Hüften streifen, überlegte es sich dann aber anders. Sie hob leicht das Laken an und guckte verstohlen darunter. Ihr Gesicht wurde knallrot.
"Ähm ... würde es dir sehr viel ausmachen, mich alleine zu lassen?" fragte sie schüchtern, nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hatte. In Teschups Gesicht stand aber nur Unverständnis.
"Willst du nicht, dass ich dich nackt sehe?" fragte er sichtlich besorgt. "Ich kann mich umdrehen, wenn dir das lieb ist."
"Nein, das ist es nicht." sagte Kalyope. "Ich will nur nicht, dass du mich so siehst." sagte sie dann so langsam, dass klar war, wie wichtig ihr das war. Und nun verstand auch Teschup. Die Besorgnis wich einem Verstehen und er machte sich daran sich aus der Jurte zurück zu ziehen.
"Natürlich mein Schatz. Ich werde draußen direkt vor der Jurte warten und niemanden rein lassen. Wenn du mich brauchst, dann ruf mich einfach." sagte er und verschwand dann durch den kleinen Eingang nach draußen.
"Danke, das ist lieb." sagte Kalyope leise. Dann machte sie sich daran aufzustehen.
Als sie in der Mitte der Jurte stand, schaute sie an ihrem nackten Körper herunter. Zwischen ihren Schenkeln klebte getrocknetes Blut und beim Laufen musste sie vorsichtig sein, damit es nicht zu sehr weh tat. Ansonsten ging es ihr aber gut. Vorsichtig wusch sie sich das Blut von den Schenkeln und reinigte mit dem kalten Wasser auch den Rest ihres Körpers. Danach ging es ihr schon viel besser, allerdings klang ein Bad im Fluss auch für sie sehr verlockend und sie nahm sich vor es Teschup nachher gleich zu tun. Aber zunächst hatte sie Hunger und freute sich auf ein ausgiebiges Frühstück - oder Mittagessen, wenn sie nach dem Stand der Sonne ging.
Kurze Zeit später hatte sie sich in einfache Kleidung gehüllt und trat vor die Jurte. Das Sonnenlicht blendete im ersten Moment, doch nach ein paar Mal Blinzeln konnte sie sich umsehen. Überall waren noch die Spuren des Festes zu sehen. An einigen Stellen lagen auch noch schlafende Sarmaten, die volltrunken an Ort und Stelle zusammen gebrochen waren. Andere waren bereits mit dem Aufräumen beschäftigt und pfiffen dabei fröhlich vor sich hin. Nur einige schauten in Kalyopes Richtung und zwinkerten ihr wissend zu. Vor allem die sarmatischen Frauen schenkten ihr ein warmes Lächeln.
Jetzt gehöre ich wohl endgültig dazu. dachte Kalyope mit einem Hauch von Selbstironie. Dann wandte sie sich ihrem Mann zu.
"Danke, dass du gewartet hast." sagte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Wollen wir etwas essen? Ich habe einen unglaublichen Hunger!" forderte sie ihn auf, nahm ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her auf der Suche nach etwas essbaren.
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Re:Das silberne Pferd 06.06.2010 22:00:06 --- 1 Jahr, 11 Monate her
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Er hörte das ängstliche Wiehern eines Pferdes in der Nähe. Teschup konnte kaum etwas sehen. Schwere Gewitterwolken hatten das Land verdunkelt und ein heftiger Regen tränkte die sommertrockene Steppe. Irgendwo dort in der Nähe des Ufers müsste das Tier sein. Ist ihm etwas zugestoßen? Oder sind es das Donnern und die Blitze, die die Finsternis immer wieder zerreißen, die es so sehr in Furcht versetzen? Ein paar Schritte gehend, horchend, sich aufmerksam umschauend tastete er sich in die Richtung, aus der er die Laute kommen vermutete. Als ein weiterer Blitz das Land erhellte, konnte er ein helles Pferd im Gebüsch erkennen. Dessen Augen waren weit aufgerissen. Nahe genug heran gekommen, erkannte er das Tier: Es war die silberne Stute.
Und plötzlich bekam auch er Angst ...
Völlig verschwitzt erwachte Teschup aus seinem Traum. Regentropfen trommelten auf das Jurtendach. Die schwache Glut im Herdfeuer gab nur wenig Licht, aber er wusste, dass neben ihm Kalyope, seine Frau schlief. Doch sie schlief nicht. Ihr Hand suchte die seine, verkrampfte sich und dann presste sie einen unterdrückten Schrei heraus. "Teschup! Es ist soweit!"
Panik breitete sich in ihm aus. Das Kind! Unser Kind! Es kommt. Jetzt!!!
Vor Schreck wusste er nicht, was jetzt zu tun ist. Er fühlte sich wie mitten im Kampfgetümmel nach einem kräftigen Schlag auf dem Kopf, unfähig sich zu orientieren, geschweige denn Freund von Feind zu unterscheiden.
"Hol die Hebamme!" Drängte ihn seine Frau.
"Die Hebamme. Ja. Ja!" Schnell schlüpfte er in seine Hose, unterließ es in der Eile jedoch Schuhe und ein Hemd anzuziehen. Während er aus der Jurte hinausstürzte, rief er seiner Frau unnötig zu "Ich beeile mich!" Am liebsten hätte er sie aber nicht verlassen.
Draußen kroch die Dämmerung eines weiteren Sommertages durch das Lager. Der Regen hatte schon fast nachgelassen, aber überall waren Pfützen und die Wege waren schlammig. Ein lang überfälliges Gewitter nach den fast unerträglich heißen Wochen hatte den harten Boden inzwischen aufgeweicht.
Teschup rannte zur Jurte der Hebamme. Sie wohnte am Rande der Burg. Inwischen waren aber noch etliche Jurten aufgestellt worden, da in ein paar Tagen die Spiele stattfinden sollten und auch viele Reiterkrieger von weiter her - er glaubte Agrippäer und sogar Skythen gesehen zu haben - waren angereist. Beinahe wäre er in einen sarmatischen Krieger gerannt, der noch völlig schlaftrunken aus seiner Jurte gekrochen war, um sich draußen zu erleichtern. Er glitt aus während er dem verdutzten Mann auswich und noch eine Entschuldigung murmelte. "Es ist soweit! Ich bekomme ein Kind!" versuchte er sein Verhalten zu erklären, dem der Sarmate aber nur mit einem Kopfschütteln begegnete.
Endlich erreicht er die Jurte der Hebamme. Erklären musste er hier nicht viel. Nur zu seiner Frau sollte er sie führen, nachdem sie noch ein paar Kräuter eingepackt hatte. Anscheinend hatte sie es nicht ganz so eilig, als sie sich gemeinsam auf dem Weg machten. Anfangs fragte sie ihn noch, wie oft und wie stark die Wehen kamen, worauf er aber keine klare Antwort geben konnte.
Als sie in der Jurte angekommen waren, wurde er gleich mit ein paar Arbeiten beschäftigt: das Feuer in Gang bringen, Holz holen, Wasser kochen und saubere Tücher bringen. Zwar war alles in erreichbarer Nähe - seine Frau hatte in den letzten Tagen Sorge getragen, dass sie vorbereitet sind, wenn die Geburt ihreres ersten Kindes endlich soweit sei - aber er war nun einfach zu durcheinander, um alle Aufgaben vernünftig und ruhig ausführen zu können. Währenddessen kümmerte sich die Hebamme um Kalyope, tastete ihren Bauch ab, redete ihr ermutigend zu und bereitete sie so darauf vor, was in den nächsten Stunden geschehen wird.
Stunden?? Hatte er richtig gehört? Konnte das bei einer Geburt so lange dauern?
Als er endlich alle Aufgaben ausgeführt hatte, die Geburt aber noch auf sich warten ließ, wurde er von der Hebamme nach draußen geschickt. "Ich werde dich rufen, wenn es dann los geht." versicherte sie ihm.
Die Sonne schob sich gerade über den Horizont und tauchte die verbliebenen Regenwolken in ein sattes Rot und kraftvolles Orange. Bei diesem Anblick wurde er langsam ruhiger. Die Erinnerung schweiften zum Fluss, wo an einem ähnlich schönen Morgen sie sich einander versprachen. Er dachte an ihre Hochzeit und die gemeinsame, erste Nacht. Schmunzelnd erinnerte er sich an das Erwachen und die ungewohnte Situation, in der sie sich beide befanden.
Fast ein Jahr war seitdem vergangen. Ein beinahe friedliches Jahr. In den ersten Wochen hatte Eorn, sein Leibwächter Scherze darüber gemacht, dass sie beide abends schon recht früh in der Jurte verschwanden und an den Morgen erst recht spät wieder hervor kamen. Als er das Kalyope erzählte, sagte sie nur: "Was wird er erst sagen, wenn ich dich auch den ganzen Tag bei mir behalte?"
Im Spätherbst wurde sie dann schwanger.
Ein Schrei aus der Jurte riss ihn aus seinen Gedanken. Dem folgte der Ruf der Hebamme. Jetzt ist es soweit! dachte Teschup.
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Letzte Änderung: 2010/06/06 22:07 von .
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Re:Das silberne Pferd 20.07.2010 21:21:26 --- 1 Jahr, 10 Monate her
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"Pressen, verdammt, pressen!"
Die Hebamme klang beinahe hysterisch. Dabei ist sie doch diejenige, die das andauernd erlebt! dachte Kalyope mit einem Anflug von Sarkasmus, schrie dann aber nur "Ich presse ja schon!"
Wie konnte irgendein Mensch nur diese Schmerzen ertragen und dann vom Wunder der Geburt reden? Es war höchstens ein Wunder, dass nicht alle Frauen dabei starben, dachte Kalyope, doch bevor sich der Gedanke an ein solch unrühmliches Ende in ihrem Kopf festsetzen konnte, fegte die nächste schmerzhafte Wehe alles wieder hinfort.
"Ja, so ist gut!" rief die Hebamme wieder. Ihr Kopf tauchte kurz zwischen Kalyopes Beinen auf. Auf ihren Zügen lag eine Art aufmunternder Gesichtsausdruck.
"Ja, klasse machst du das."
Surti. Selbst in diesem Moment brachte sie es fertig Kalyope mit ihrer gespielten Teilnahmslosigkeit zu ärgern. Aber wenigstens hielt sie dabei fest ihre Hand gedrückt. Als Kalyope kurz von der Hebamme zur ihrer Leibwächterin aufsah, grinste diese sie breit an und beugte sich dann ganz dicht an ihre Ohr.
"Wenn du willst, bringe ich sie nachher um."
Und jetzt brachte sie Kalyope auch noch zum Lachen.
"Atmen, atmen!" schrie die Hebamme. "Ich kann nicht!" prustete Kalyope und pendelte irgendwo zwischen Lachkrampf und Schmerzensschreien hin und her. "Surti, ich hasse dich!"
Ihre Leibwächterin hatte nur ein müdes Lächeln dafür übrig. "Ich weiß, Schätzchen, ich weiß. Mach du erstmal hier fertig, dann sprechen wir darüber ... was machst du denn hier?!"
Abrupt drehten sich alle drei Frauen zur Zeltplane um, wobei Kalyope sich fast den Hals verrenkte. Die Hebamme schielte kurz wieder zwischen Kalyopes weit geöffneten Beinen hervor. Entsetzen weitete ihre Augen.
"Was machst du denn hier? Raus! Raus! Das geht dich gar nichts an!"
Teschup, der bei dem Lachen wohl gedacht hatte es wäre schon soweit, lief knallrot an, murmelte etwas von Entschuldigung und zog sich ganz schnell wieder zurück. Surti brach in schallendes Gelächter aus.
"Ganz schön unterhaltsam, so eine Geburt. Das sollten wir öfters machen."
"Halt den Mund!"
"Ja, und du machst jetzt mal mit 'Pressen, pressen!'" weiter, äffte Surti die Hebamme nach und amüsierte sich offensichtlich prächtig.
Die Geburt dauerte noch mehrere Stunden und war für die Männer, die draußen die freudige Nachricht erwarteten, ein Ereignis von dem sie noch länger erzählen würden. Aus dem Zelt drangen abwechselnd Schreie und lautes Lachen und zwischendurch eine immer entnervter brüllende Hebamme, die immer lauter "Pressen, pressen, gleich ist es soweit!" schrie. 'Gleich ist es soweit' schrie sie allerdings bereits seit einigen Stunden vor dem lang ersehnten Ende der Geburt, so dass Kalyope ihr eigentlich gar kein Wort mehr glaubte, als es dann doch endlich soweit war.
Nach einer letzten kräftigen Anstrengung überkam Kalyope ein Gefühl der Erleichterung und kurz darauf hörte sie das Protestgeschrei eines neugeborenen Kindes, das gerade aus der warmen, geborgenen Umarmung des Mutterleibes in die helle, laute Welt entrissen wurde.
Es war der schönste Laut, den sie je gehört hatte.
"Ihr habt einen Sohn, und was für einen!" rief die Hebamme und legte den Kleinen seiner Mutter in die Arme, nachdem sie ihn halbwegs mit einem Tuch gesäubert und die Nabelschnur durchtrennt hatte. Und dann stand auch Teschup im Zelt, der von draußen den Schrei des Neugeborenen gehört hatte und sich dieses Mal von nichts und niemanden aufhalten ließ. Mit zwei schnellen Schritten war er am Lager seiner Frau auf den Knien und schaute voller Entzücken das kleine Kind an.
"Ist er ... gesund? Und geht es dir gut? Es hat so lange gedauert!" murmelte er leise mit einem besorgten Blick. Doch Kalyope nickte nur erschöpft. Ihr Kind war bereits an ihrer Brust eingeschlafen.
"Uns geht es gut. Ich bin nur so müde." flüsterte sie, während ihr bereits die Augen zufielen.
"Na, ich habe schon längere Geburten erlebt, macht euch da mal keine Illusionen." plapperte die Hebamme daraufhin los, während sie dreckige Tücher einsammelte und alles zusammen in einen großen Korb warf. "Es lief gut, auch wenn manchmal der Ernst an der Sache etwas gefehlt hat." ergänzte sie und bedachte Surti mit einem abschätzigen Blick. Diese zuckte allerdings nur mit den Schultern. "Ich dachte die Geburt sei ein freudiges Ereignis." sagte sie leichthin und klopfte dann Teschup im vorbeigehen auf dem Weg nach draußen auf die Schulter. "Glückwunsch, Papa. Und viel Spaß bei schlaflosen Nächten und so." Dann war sie verschwunden. Teschup schüttelte nur vergnügt mit dem Kopf.
"Er ist so klein." sagte er entzückt und streichelte seinem Sohn sanft über den winzigen Kopf.
"Und wunderschön." antwortete Kalyope und schaute erst ihr Kind und dann ihren Mann verliebt an. "Wie soll er heißen?"
Teschup überlegte eine Weile, aber dann sprach er mit einem Leuchten in den Augen.
"Ich möchte ihn Cirdan nennen. Das ist ein kraftvoller Name, so wie er eines Tages sein wird."
"Cirdan ..." Kalyope sprach den Namen langsam aus, als ob sie ihn auf der Zunge hin und her wog, seinen Klang schmeckte. "Ja, das ist ein schöner Name. Cirdan." Sie gab Cirdan einen sanften Kuss auf die Wange, voraufhin das kleine Kind sich noch enger an die Brust seiner Mutter schmiegte.
"Und jetzt geh nach draußen und feier mit den anderen. Ich muss mich noch ausruhen."
"Ha, das ist eine gute Idee! Außerdem ... kommt da ja noch was. Das ist nichts für Männer. Los, raus hier!"
Grinsend ließ Teschup sich von der Hebamme nach draußen verscheuchen und verkündete den Wartenden die Geburt eines neuen sarmatischen Kriegers.
Zu Ehren des Cirdans wurde ein Fest veranstaltet, bei dem die Krieger sich im Kampf messen konnten. Auch Teschup nahm daran teil, während Kalyope ganz in ihrer neuen Rolle als Mutter dieses Mal nur als Zuschauerin dabei war. Es war ein freudiges Ereignis und Sieger so wie Verlierer der Wettkämpfe wurden ausschweifend gefeiert. Kalyope zog sich allerdings schon früh zurück. Cirdan war erschöpft und wollte gleichzeitig gestillt werden und sie selbst ermüdete auch noch früh.
Die nächsten Monate widmete sich Kalyope ganz ihren Kind und ihrem Ehemann. Dieses familiäre Leben war eine völlig neue Erfahrung und sie genoss es sichtlich in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufzugehen. Doch schon bald holte sie wieder das sarmatische Leben in der Steppe ein. Plünderer eines fremden Volkes waren nicht weit entfernt von ihren Gebieten gesichtet worden. Sie hatten reiche Beute gemacht und Alastor beschloss, dass sie ihrerseits die Räuber um ihren Gewinn erleichtern sollten. Als Kalyope das hörte, wurde sie zunehmend von Rastlosigkeit erfüllt. Es war Abend, als Teschup in ihre gemeinsame Jurte kam und sah, wie seine Frau in voller Rüstung mit Speer und Schild bewaffnet im Raum stand.
"Ich habe Surti draußen gesehen und schon so etwas geahnt." stellte er fest. Er konnte seinen Unmut über das, was er sah, nicht ganz verbergen.
"Ich reite mit dem Heer. Es wird nicht lange dauern."
"Ich kann auch mit ihnen reiten, wenn es noch an Kriegern fehlt."
Kalyope dachte einen Moment nach, schüttelte dann jedoch den Kopf.
"Ich habe eine wundervolle Amme für Cirdan und du bleibst hier um dich um ihm zu kümmern. Ich bin ja auch bald wieder da."
Sie ließ Speer und Schild langsam auf den Boden sinken und ging dann auf ihren Mann zu. Sanft legte sie ihre Arme um seinen Hals und schaute zu ihm auf.
"Ich will das machen. Ich muss das machen. Für mich - für uns. Ich komme mir so nutzlos vor." Ihre Augen flehten ihn an, aber er sah auch das Verlangen seiner Frau nach der Grenzenlosigkeit der Steppe. Die Schwangerschaft hatte sie dazu gezwungen an einem Ort zu bleiben und in der Zeit danach hatte sie sich um ihr Kind rund um die Uhr kümmern müssen. Doch nun war ihre Rastlosigkeit unerträglich geworden.
"Dich kann man wirklich nirgends einsperren." Teschup lächelte sie wissend an. "Geh nur, ich werde hier mit Cirdan warten. Aber komm bald wieder und ..." er küsste sie sanft auf die Lippen "... komm mir ja gesund nach Hause."
"Natürlich, ich verspreche es!" rief sie und schmiegte sich fest in seine starken Arme. "Und du passt auf unseren Sohn auf."
Es war tatsächlich nur ein kurzer Ausflug. Die Sarmaten schlugen schnell und hart zu und brachten die Diebe um fast ihre gesamte Beute. Siegestrunken trafen sie schon nach wenigen Wochen wieder zu Hause ein, wo Teschup seine Frau freudig willkommen hieß.
Die nächsten Monate waren wieder ruhiger. Teschup und Kalyope reisten zwischen den einzelnen Sarmaten-Stämmen umher und genossen es ihrem Sohn beim Erkunden der Natur auf allen Vieren zuzusehen. Ihr Sohn war gerade zwei Jahre alt geworden und konnte bereits die ersten kurzen Sätze sprechen, als die Sarmaten wieder auf einen Feldzug zogen. In zwei großen Gruppen zogen sie los, schlugen an verschiedenen Stellen gegen Eindringlinge in der Steppe zu und wollten schließlich vereinen, um auch die letzten Feinde in die Knie zu zwingen. Der Plan war gut und zunächst von Erfolg gekrönt. Auch war Cirdan inzwischen alt genug, so dass er ohne seine Eltern für längere Zeit bei den älteren Sarmaten, die im Lager zurück blieben, bleiben konnte, und Kalyope und Teschup gemeinsam Seite an Seite reiten und Kämpfen konnten. Die Sarmaten genossen den Geschmack des Sieges und trieben ihre Rösser von einer Schlacht in die Nächste. Doch dann geschah das Unerwartete. Mitten in der Nacht kam ein Reiter ins Lager galoppiert, der für Botengänge von Alastor abkommandiert worden war. Kurz danach brachen die Sarmaten ihre Jurten ab. Es ging nach Hause. Alastor hielt sich bedeckt, doch war allen klar, dass nur eines diesen überstürzten Aufbruch bedeuten konnte: Ihre Heimat war bedroht.
Alastor schickte das Heer durch ebenes Gelände. Er selbst ritt jedoch mit Lyssandra, Teschup und Kalyope nach Thrakien, wo sie für die kommende Herausforderung neue Waffen erwarben. In der kleinen Gruppe waren sie schneller als das Heer, so dass sie sich sicher waren es später wieder einzuholen oder wenigstens nur kurze Zeit später ihre Heimat zu erreichen. Dennoch dachte Kalyope voller Bangen an ihre Freunde und vor allem ihren Sohn. Auch Teschup war die Anspannung anzusehen, auch wenn er sich nichts anmerken lassen wollte.
In Thrakien angekommen kaufen sie Schwerter einer Art, wie sie in ihrer Heimat nicht geschmiedet wurden. Es waren wundervolle Waffen und Kalyope erinnerte sich an die Ausbildung von Shia, die sie zwar den Umgang mit dem Speer gelehrt hatte, doch selbst immer ein Schwert getragen hatte. In dem Bewusstsein diese Waffen zur Verteidigung ihrer Heimat einsetzen zu würden, kaufte Kalyope von ihrern Ersparnissen gleich zwei dieser Waffen. Sie war sich sicher, dass sie sich schon bald bezahlt machen würden.
Vielleicht war es die Hitze dieses Landes oder der Wein, den die freundlichen Thrakier ihren Gästen anboten, um ihre grimmigen Gesichter etwas aufzuhellen. Oder es war einfach nur der Reiz des Neuen, denn Thrakien war mit seinen steinernen Häusern und bebauten Feldern so viel anders als die sarmatische Steppe, denn am Abend fielen Kalyope und Teschup wie zwei liebeshungrige frisch Vermählte übereinander her und liebten sich lange und intensiv. Als sie später dann keuchend und verschwitzt nebeneinander lagen, spürte Kalyope etwas in ihrem Inneren. Ein leichtes Ziehen, aber auch eine gewisse Wärme, doch sie erzählte Teschup nichts davon.
Sie waren bereits auf dem Rückweg, als es Kalyope dann mit aller Deutlichkeit klar wurde. Es war die Zeit ihres Monatsflusses gekommen, doch war er ausgeblieben. Er war schon mehrere Tage überfällig und mit einem Mal erinnerte sie sich an die Nacht in Thrakien und auch an die Nächte danach.
Nein, ausgerechnet jetzt! Du musst deine Heimat verteidigen! machte sie sich in Gedanken Vorwürfe. Wie hatten sie nur so leichtsinnig sein können? Doch nun war es so und sie würde es nicht wieder ändern können. Stattdessen legte sie schützend ihre Hand auf ihren Bauch und lenkte ihr Pferd neben Teschup. Auf ein Zeichen hin ließen sie sich etwas zurückfallen. Kalyope wollte nicht, dass Alastor und Lyssandra es mit hörten. Teschup sollte es als erster erfahren.
"Teschup, mein Liebster." sagte sie leise. "Ich bin wieder schwanger." offenbarte sie ihm und in ihrer Stimme lag ein nie dagewesenes Bangen aber auch ein Hauch von Freude.
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Re:Das silberne Pferd 31.07.2010 00:08:22 --- 1 Jahr, 9 Monate her
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... wieder schwanger. Innerhalb weniger Sekunden zerrten die unterschiedlichsten Gedanken sein Herz hin und her. Er dachte an die Freude, die ihnen Círdan mit seinen gut zwei Jahren machte und wieviel mehr Freude ein weiteres Kind bedeuten würde. Vielleicht würde es ja eine Tochter werden, eine Kriegerin, die ihrer Mutter in nichts nachstehen wird.
Teschup dachte aber auch an die bevorstehenden Kämpfe in Sarmatien. Die Gerüchte darüber verdichteten sich jedenfalls. Das Kind würde in unruhigen Zeiten zur Welt kommen. Sorgen machten sich breit.
Und dann war da auch die Angst, was eine Schwangerschaft für seine Frau bedeutete. Im Kampf, so wusste er, könnte es kaum ein Feind mit ihr aufnehmen. Aber Schwangerschaft und Geburt bargen immer Gefahren, die nicht wie ein Feind leicht einzuschätzen sind.
Dem Gesicht seiner Liebsten konnte er ablesen, dass auch sie nicht nur reine Freude darüber empfand.
Teschup griff nach ihrer Hand, führte sie an seinen Mund, küsste sie sanft und lächelte.
"Du bist wirklich wieder schwanger?" fragte er sie leise.
Kalyope nickte.
In diesem Augenblick gewann die Freude die Überhand, die sich nun Luft verschaffen musste.
"Alastor! Lyssandra! Wir kriegen Verstärkung!" rief er laut. "Wir bekommen wieder ein Kind!" jubilierte er noch lauter und lachte dabei.
Als sie am Abend in der Steppe rasteten, lagen er und seine Frau noch eine Weile länger wach am spärlichen Lagerfeuer, das die deutlich spürbare Kälte der näher kommenden Winternächte nur wenig vertrieb. Er hielt sie darum eng umschlungen.
"Ich bin jetzt schon gespannt auf Círdans Blick, wenn er das erste Mal sein kleines Geschwisterchen sieht." flüsterte Teschup seiner Frau ins Ohr, die daraufhin kicherte.
Der Winter in Sarmatien verlief ruhig. Feinde konnten nicht gesichtet werden. Vielleicht fürchteten sie sich vor der Kälte in der Steppe. Oder vielleicht haben die Götter sie auf Irrwege geführt, so dass sie nicht hierher fanden, was für sich zweifellos besser ist.
Allerdings führte das allmählich wieder zu Langeweile bei den Kriegern. Mit einer Ausweitung des sarmatischen Siedlungsgebietes nach Norden, wurde dem mit anbrechendem Frühjar ein wenig Abhilfe geschaffen. Aber es war nur ein kleines Heer ausgesandt worden, um das Gebiet zu erobern. Kalyope - der man inzwischen ihre Schwangerschaft langsam ansah - und auch Teschup waren mit ausgeritten. Es war keine große Gefahr zu befürchten. So musste sie nicht lange bitten, um mit dabei sein zu dürfen. Es hätte sowieso nichts genützt, wenn Teschup ihrem Verlangen nicht nachgegeben hätte. Er kannte seine Frau inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie zum Kämpfen geboren wurde. Und manchmal glaubte er, das sie schwanger noch gefährlicher war.
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