„Trink das.“ Skeptisch sah Hengest in den Becher.
„Es wird dir helfen, die Schmerzen zu lindern. Nun trink.“ Sie selbst trank sich wieder in ihren gewohnten Rausch, in eine Welt des Vergessens und der Zufriedenheit.
„Nimm im nächsten Kampf nicht nur den Skalp mit, sondern den ganzen Kopf.“ Sie lächelte Hengest geheimnisvoll an und sprach nach einer langen, genussvollen Trinkpause weiter.
„Denn im Kopf sitzt die Seele. Merke dir gut: Nur ein kopfloser Krieger ist ein wahrhaft toter Krieger.“ Ingke entspannte sich und legte sich auf die Kissen nieder, die um das Fell herum lagen. Wie betäubt sprach sie weiter.
„Nagel deine Siegestrophäen an deinen Türrahmen und die Sklaven werden dich als siegreichen Herren achten. Aber man kann auch noch andere schöne Dinge daraus machen.“ Grinsend leerte Ingke ihren Becher. Die beiden Köpfe der ceutronischen Krieger faulten seit Tagen vor dem Zelt in einem Kübel voller Maden und die Zeit war ran, die Schädel zu präparieren.
Ein letzter prüfender Blick fiel auf Hengest Stirn. Das Werk war vorerst vollbracht.
„Lass mich nun allein.“ Hengest stand auf und ging, ohne ein Wort zu erwidern.
Einige Zeit später.
Ingke erhob sich und bereitete alles vor, was sie für die Arbeit an den Schädeln brauchte. Sie zündete sich neue Kerzen an, legte neue Kohl in ihre Räucherschale und entzündete sie, worauf nun Harze verbrannten. Ihr Wohlbefinden wuchs und so trat sie aus dem Zelt, um die Schädel von den Maden zu befreien und ihre Arbeit daran Tag um Tag zu beginnen.
Vorsichtig trennte sie bei beiden Schädeln die Schädeldecke gleichmäßig ab. So entstanden zwei Schalen, die sie wie Zwillinge identisch und reich an keltischen Tiersymbolen verzierte. Da waren
der Adler als Begleiter der Seele in die Anderswelt für die Weisheit und königliche Würde,
der Eber als Gott des Waldes für die Angriffslust und Aggressivität in Kriegen, daneben
der Stier für die Angriffslust und Stärke,
die Eule als Führer zur Unterwelt für den Schutz,
der Falke als Übermittler zwischen dieser Welt und der Anderswelt für das Erinnerungsvermögen,
der Hase als Tier des Mondes für den Wachstum,
der Hund als Begleiter der Götter für die Jagd und Heilung,
die Katze als Hüter der Seelenkräfte und als Beschützer in schwierigen Lagen und
die Schlange als Symbol der Selbsterneuerung und Wiedergeburt. *
Zum Abschluss färbte sie die Konturen ein, damit die Symbole klar zu erkennen waren.
Das oval weißliche Gebilde mit den dunklen Tierkonturen konnte mehrere Zwecke erfüllen. Ingke war sich sicher, dass Aliena dafür eine Verwendung finden würde. Sie hüllte eine der beiden Schalen schützend in Leder und beauftragte Lüdeke, einen Bauern der Barbaren zu finden, der das Geschenk übermittelte.
So ging Eine der keltisch verzierten Schalen, hergestellt aus dem Schädel eines ceutronischen Kriegers, tagelang auf Reisen zu Aliena, Regentin der Suebener, während die andere Zwillingsschale Ingke für sich als Erinnerung behielt und auf ihrem Altar Platz fand. Sie würde darin das Blut der Opfergaben auffangen.
Die Friesen zogen weiter heimwärts und kamen wenig später in ihrem Land an.
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* Quelle:
http://www.vampyrbibliothek.de/kelten/symbole.htm