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Aus den Tagebüchern des Raziel
Die Geschichte hat uns gelehrt, dass es nicht immer die großen Kriegsherren sind, die ein Land formen und bewahren und es nicht zwingend die Politiker und Könige sind, die einem Reich ein Gesicht verpassen. Oftmals sind es einfache Bürger, die selbst einen Pharao oder Wesir zum Staunen bringen können. In einer gigantischen Stadt wie Alexandria herrscht sicher kein Mangel an interessanten Menschen, doch manche vermeintlich "kleinen Leute" haben von den Göttern eine Aura der Erhabenheit verliehen bekommen, die - auch wenn sie manchmal unter der Frechheit und Eigensinnigkeit verborgen ist - sie zu Menschen machen, von denen man noch in einigen Jahrhunderten sprechen wird. So eine Person ist Nefertari.
Die Robe des Kriegers war schon lange völlig durchnässt, seine Stiefel vom lehmigen Schlamm der Straßen bedeckt, die vom Regen rutschig und matschig geworden waren. Raziel kümmerte es nicht, seine Gedanken kreisten immer noch um die Tatsache, dass das ägyptische Großreich von jemandem verraten worden war, jemandem der einen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht hatte. Es würde ihnen eine Lehre sein sich nicht mehr auf die aalglatten Worte und heftigen Ambitionen von Fremden einzulassen. As Sa Id war verloren für das Großreich und wilde Barbarenstämme besetzten den Grenzstreifen zwischen Phönizien und dem Großreich Ägyptens. Diese Niederlage machte dem Wesir schwer zu schaffen, denn sie konnte mit keiner Armee ungeschehen gemacht werden und mit keinem Kniff der Außen- oder Innenpolitik. As Sa Id brauchte eine Armee, die den Landstrich beschützen und halten konnte und gerade dafür waren nicht genug Krieger zur Verfügung.
Völlig in Gedanken versunken, nach einer Lösung für das Problem suchend, stapfte er durch die Straßen des Hafenviertels und nicht einmal für den gewaltigen, strahlenden Leuchtturm hatte er einen Blick übrig. Wie er es auch drehte oder wendete, es schien keine einfache Lösung zu geben und wenn es überhaupt eine gab, so konnte er sich beim besten Willen nicht ausmalen, wie diese Lösung aussehen konnte. Selbst wenn sie immer und immer wieder die Barbarenstämme niedermetzeln würden, hätten sie dadurch nichts erreicht, denn Barbarenvölker gab es viele im Niltal und viele würden sich dort niederlassen, wo die Herrschaft des Pharaos und der Zivilisation nur formell ausgeführt wurde.
"Sollen sie das Land haben", knurrte der Krieger und beschleunigte seinen Schritt. Er dachte an die jüngste Vergangenheit des Großreichs und mußte Lächeln. Er hatte Ägyptens Armeen weit nach Osten getrieben und eine Region nach der anderen erobert, westlich, südlich und östlich Alexandrias waren die Krieger des Pharaos unter seinem Kommando erfolgreich gewesen und immer mehr Landschaften wurden dem Reich zugesteuert. Dennoch nagte der Verrat an ihm, war es doch nicht der erste in den vergangen Jahren. Eine andere Hatia war bereits zur Verräterin geworden und hatte das Land viele Silbermünzen gekostet. Es war zwar nicht sonderlich selten, dass eine gewisse Fluktuation an Kriegern bestand in einem Großreich, doch schmerzte es um so mehr, wenn ganze Landstriche verwahrlosten, weil deren Herren oder Herrinnen sich des Hochverrats strafbar machten und die Ländereien Ägyptens verließen.
Raziel bemerkte, wie er da lief, weder das er direkt auf eine junge Frau zuging, noch, dass die junge Frau mindestens ebenso in ihren Gedanken versunken war, wie er selbst. Erst der Zusammenprall riß ihn jäh aus seinem halbwachen Zustand und er sah gerade noch, wie die Frau mit den grauen Augen nach hinten fiel.
Seine Reflexe waren geschult und er war darin jahrelang unterrichtet worden Situationen im Bruchteil einer Sekunde zu überblicken und geeignete Maßnahmen zu treffen, so war es nicht verwunderlich, dass er die Hand der Frau fest in seiner hielt, bevor deren Gewand den Boden auch nur gestriffen hatte. Ein freundliches Lächeln umspielte die Lippen des Wesirs und in seinen Augen lag bereits die Entschuldigung, die er aussprechen wollte, als er einen leichten Zug an seiner Robe feststellte. Der Blick seiner ungewöhnlich grünen Augen glitt von ihren Augen ab auf die Schulter ihres freien Armes, diesen Entlang bis zu ihrer Hand, die sich mit den gleichen, blitzschnellen Reflexen an ihm festgekrallt hatte, mit der auch er sie gefasst hatte. Für einen Moment konnte er sie nur anschauen, bevor er ihr höflich aufhalf und sich ihre Stirn ansah.
"Ich nehme an es wird eine kleine Beule geben, Kriegerin, beeindruckende Reflexe."
Seine Worte waren respektvoll, ebenso wie seine leichte Verbeugung, die ihr zeigte, dass er sie als eine gleichberechtigte Kriegerin ansah, auch wenn er selbstverständlich einen höheren Rang bekleidete und den mächtigeren Titel trug. Sein Blick fing wieder den ihrer Augen ein und wieder stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen.
"Dürfte ich euch als Wiedergutmachung für meine Gedankenverlorenheit und Unachtsamkeit in mein Haus einladen und euch als Entschuldigung einen süßen Wein anbieten?"