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Mai 293
Es ging laut und hektisch auf der Friesenburg zu, denn es war Markttag. Ein herrlicher Tag. Die Sonne drängte sich hartnäckig durch die Regenwolken durch und trocknete wärmend die nasse Erde. Bis auf den Schlamm, wo sich die Menschenmenge durchwälzte, um an den Ständen die Waren zu begutachten und um die Preise zu feilschen. Hier wurde alles geboten, was das Herz begehrte: Wolle, Stoffe, Garn, Kleider, Schmuck, Edelsteine, Edelmetalle, Waffen, Rüstungen, Tongeschirr, Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, Honig, Backwaren, Kräuter, aber auch Gewürze aus fernen Ländern, Teeblätter, Seide, Tücher und Keramik aus dem Orient.
Hier und da sah es gar belustigend aus, wie manch ein bepackter Kaufmann mit den Schuhen im Schlamm versank und ohne Einen von denen wieder heraustrat. Dann brach meist ein Gewitter aus Flüchen hervor und das Suchen im Schlamm ging los. Die Waren wurden dabei achtlos abgestellt und manch ein Gauner kam nun zum Zuge. So gesellte sich nicht selten zu den Flüchen und dem Suchen die Tobsucht als dritter Verbündeter im ganzen Geschehen hinzu. Die Gauner hatten es aber nicht weniger leicht mit ihrer Flucht. Einer blieb einige Schritte entfernt selber im Schlamm stecken und eine Traube aus Menschen kreiste und schlug mit Beschimpfungen auf ihn ein und ein anderer wurde vom Kaufmann sofort gefasst und mit einem Stock verprügelt. So erging es allen, die beim Stehlen erwischt wurden und nicht schnell genug davon kamen.
In Mitten dieser treibenden Schar aus Käufern und Verkäufern, aus Bettlern und Gaunern ging eine exotische Schönheit ruhig mit erhobenem Haupt und graziösen Gang die Straße zwischen den Ständen entlang. Ihr überlanges Haar war rabenschwarz, geflochten und am Hinterkopf zusammengesteckt mit vielen, schmuckvollen Stäbchen aus einem fernen Land mit fremden Zeichen darauf. Ihre Augen waren katzenartig und dunkel, so dass sie nichts über das Innere, ihrer Seele verrieten, wenn je einer hinblickte. Ihre Statur war rank, ihr Gang geschmeidig. Kurzum, sie kam nicht aus diesem Land – sollte man meinen. Tatsächlich wurde sie aber im schönen Friesenland geboren. Ihr Name allein, den sie trug, zeigte diesen Widerspruch deutlich: Ingke. Ein zweiter Name, der im Verborgenen lag, offenbarte immerhin ihren wahren Einfluss: Jiao. Diesen Namen gab ihr einst ihr Vater, über den sie wenig wusste und kaum kannte.
Zielstrebig gelangte Ingke an einen Marktstand, der weniger besucht war. Freundlich und mit einer kleinen, anerkennenden Verbeugung begrüßte sie den Händler mit den Worten: „Herr Zhang, es ist mir eine Freude, euch nach so langer Zeit gesund wieder zu sehen!“ Der Händler war gleichfalls hocherfreut und erwiderte die Verbeugung. „Xiao Jiao, du werden immer hübscher. Dein Vater werden sein auf dich stolz.“
„Seid ihr meinem Vater begegnet?“ Erwartungsvoll wartete Ingke die Antwort des Alten ab. Sein Haar war längst ergraut und seine Haut ledern. Nachdenklich kehrte er in sich und schüttelte kurze Zeit später den Kopf. „Nein, tut leid mir, dich enttäuschen! Ich habe gesehen ihn nicht.“
Ingke war keineswegs enttäuscht, sondern erfreute sich daran, einen alten Freund von ihrem Vater getroffen zu haben und Grüße mit ihm schicken zu können, falls sie sich doch noch begegnen. Seine Ware war für sie durchaus wertvoll. Er bot getrocknete Pilze an, die Menschen in Rauschzustände versetzten, wie auch getrocknete Heilpflanzen, Räucherstäbchen und Gewürze. Für jemanden, der hier zum ersten Mal vorbeikam, roch es abstoßend und befremdlich. Ihr hingegen waren die Sachen sehr vertraut, so trat sie doch in die Fußstapfen ihrer Mutter, welche mit Kräuterkuren jeden Kranken im Dorf behandelte. Schon früh wurde Ingke dabei herangezogen, wenn Wunden versorgt werden mussten.
Sie feilschte lange mit dem Alten um die Preise und tauschten nebenbei Geschichten aus ihrem Leben aus. Nachdem sie sich einig waren und Ingke alles beisammen hatte, verneigte sie sich abermals anerkennend vor dem Alten und wünschte ihm einen vollen Geldbeutel. Der Alte zeigte sich zugleich erkenntlich und drückte ihre Hand bei der Verabschiedung mit einer mehrmals dankenden Verbeugung.
„Mutter, ich bin wieder zurück“, rief Ingke nach ihr, als sie Zuhause ankam. Sie eilte in die Küche, um dort die Besorgung auszupacken und die Heilmittel einzulagern. Unmerklich erschien ihre Mutter, eine hagere Frau mittleren Alters, in der Tür. Sie hielt einen Brief zerknitternd in der Hand. Ingke blickte fragend auf und ihre Mutter begann sogleich zu berichten: „Heute kam die Nachbarin zu Besuch und sie erzählte mir, dass ein friesisches Heer zusammengestellt wurde und bereits loszog. Ich erwarte von dir, dass du deine Sachen packst, einige Heilkräuter mitnimmst und dem Heer hinter her gehst.“ Innerlich total entsetzt, aber nach außen hin sehr gefasst fragte Ingke: „Warum soll ich das tun?“ Sie wusste, dass ihre Mutter krank war und zumeist auf die abstrusesten Ideen kam. Sie hatte sie nie als eigenes Kind angenommen und war mehr eine Bekannte als Mutter. Dieser Welt völlig entrückt lächelte ihre Mutter, den Brief wie ein Hoffnungsträger in der Hand haltend und verschwand wieder. Dies konnte für sie nichts Gutes bedeuten. Gedankenverloren überlegte Ingke nun, was sie tun konnte und entschied, vorerst den Wunsch ihrer Mutter nachzukommen. Sie würde noch erfahren, was dieser Brief auf sich hatte.
In aller Ruhe ordnete sie den Einkauf und ging anschließend in ihre Kammer. Viele Dinge besaß sie nicht und waren schnell zusammengetragen und zu einem Bündel gebunden. Nachdem dies vollbracht war, schlich sie sich aus der Kammer, auf der heimlichen Suche nach ihrer Mutter. Sie konnte sie nicht finden, den Brief ebenso wenig. Kurzerhand entschloss sich Ingke, die Nachbarin aufzusuchen. Doch als sie zur Hintertür hinaus wollte, hörte sie plötzlich Stimmen. Die ihrer Mutter und die eines Fremden. Gebannt lauschte sie: „… wie lautet die Antwort, die ich überbringen soll?“
„Sagt ihm, dass ich sehr gern den Antrag annehme.“
Das schlug Ingke den Boden unter ihren Füßen weg. Wie berauscht taumelte sie an der Wand entlang und verschwand in ihre Kammer. Dort setzte sie sich wankend auf ihr Bett und atmete kräftig durch. ‚Ein Antrag, ein einfacher Antrag … ein dummer Heiratsantrag! Das steckt dahinter!’ Sie schlug verzweifelt die Hände vors Gesicht und spannte ihre Kiefernmuskeln an. Ihr war es gleich, von wem dieser kam, aber nun war ihr alles klar. Es gab für sie hier keinen Platz mehr. Und der Antrag konnte nicht von ihrem Vater sein, denn diesen lehnte ihre Mutter vor etlichen Jahren mehr als deutlich ab. Zu fremdländisch sei er ihr gewesen, zu viel Angst habe sie davor, mit ihm in ein fernes Land zu reisen. Ingke schüttelte den Kopf und grübelte. Ach wäre doch nur sie als kleines Kind mit ihrem Vater gezogen als er sie mit sich nehmen wollte, aber weil er ihr ein Fremder war, hatte sie Angst – genau wie einst ihre Mutter. Und nun war es zu spät und sie zahlte in diesem Augenblick einen hohen Preis. Wutentbrannt ergriff sie das gepackte Bündel und eilte in die Küche. Sie wusste genau, was sie für ein Heer an Wundermittel brauchte. Gerade die Pilze waren ihr sehr wichtig. Davon nahm sie alles mit wie auch Tee und andere Heilpflanzen. Als nächstes ergriff sie Proviant, welches sie für die Wanderung brauchen würde und hielt kurz inne. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt und sie würde am Lieben auf irgendetwas eindröschen wollen. Schwer atmend raffte sie sich auf, um den letzen Weg zu gehen.
Ihre Mutter stand immer noch draußen im Hinterhof, den Brief klammernd in der Hand und blickte dem Boten nach, der längst verschwunden war.
„Mutter? Ich bin fertig und mache mich sogleich auf den Weg.“
„Gut, mein Liebes“, sie würdigte Ingke keines Blickes. Unverwandt starrte sie in die Richtung des Boten. Ingke hingegen ging zur ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Gehab dich wohl.“ Ohne jegliche Reaktion ihrer Mutter, drehte sie sich um und ging zum Tor hinaus.
Mai – Juli 293
Es war nicht schwer, Leute zu finden und diese nach der Marschrichtung des Heeres zu befragen. Bereitwillig zeigten alle in die Wegrichtung, wohin das Heer verschwand. Gerüchteweise vernahm Ingke, wohin das Heer wohl wandern würde. Als sie an einem Scheidepunkt angelangte, überlegte sie kurz und wählte einen Pfad der Händler, der von der Wegstrecke des Heeres abwich. Sie würde noch feststellen, ob dies eine gute oder schlechte Wahl war.
Wenn der Proviant zur Neige ging, so hatte Ingke genug Silberstück bei sich, um diesen aufzufüllen und da es ein schöner, trockener Sommer war, ersparte sie sich die Übernachtungen in Wirtshäusern und legte sich jede Nacht unter dem Himmelszelt schlafen. Manchmal hatte sie sogar richtig Glück und traf bekannte Händler, mit denen sie einen Teil des Weges wanderte und bei ihnen nächtigen konnte. Dieser Händlerpfad erwies sich im Nachhinein für sie als der Sicherste und kreuzte wenige Wochen später die Marschrichtung des Heeres. Sie hatte nichts gewonnen, aber auch nichts verloren und so folgte sie weiter den Zeigefingern der redseligen Leute.
Juli 293
Schlussendlich traf sie an einem Nachmittag auf der Burg Sueben ein und stieß zum Heer der Friesen hinzu, welches hier eine längere Rast einlegte. Ein bunter Haufen aus Männern und vereinzelten Frauen offenbarte sich ihr. Sie würdigte dem Heer zunächst keines Blickes und trat geschmeidig an Rongal heran, um sich anzukündigen, dass sie von nun an mit im Dienste stand und zeigte ihm ihre Qualitäten in der Heilkunde auf.
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