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Die Tage der Eibe im Herbst des Jahres 303 v.Chr.:
Der Sturm tobte seit dem ersten Eibentag. Myrddin stand unbewegt auf dem Croaghmore und blickte über na Blascaodaí vor der Küste von Éire. Der Tag war so dunkel, dass seine Augen kaum mehr die Konturen der Inseln ausmachen konnten. So hoch hatte das Meer die Wellen selten gepeitscht und so hart blies der Sturm von Westen her, dass er sogar hier oben, am höchsten Punkt der Insel die Gischt auf der Haut spürte. Blitze weit draußen auf dem Meer erhellten für Augenblicke den Nachthimmel und zeichneten scharf die Umrisse von an Tiaracht nach.
Myrddin dachte an Diarmid. Er hatte seinen Schüler vor einigen Monden auf die Insel geschickt um seine Ausbildung abzuschließen. Die Götter schienen ihm eine schwere Prüfung auferlegt zu haben.
Myrddin blinzelte. Oder würden die Götter Diarmid als Druiden gar ganz ablehnen? Er war nicht besonders gelehrig gewesen, denn es mangelte ihm an Geduld die Einsicht in sich wirken zu lassen und an Weisheit eigene Fehler einzugestehen. Vielleicht war es sogar Myrddins eigener Fehler gewesen ihn auszuwählen und zum Druiden erziehen zu wollen. Vielleicht wäre ein besserer Krieger aus Diarmid geworden. Myrddin atmete schwer. Es reifte in ihm die Erkenntnis, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Ein Blitz zuckte, wesentlich näher als zuvor auf an Tiaracht. Also hatten die Götter ihre Entscheidung gefällt, und ihn, Myrddin, hierher auf den Berg geführt, damit er seinen Fehler erkennen sollte. Er wurde alt. Myrddin begann den Abstieg. Er musste sich vergewissern. Der Strum zerrte schwer an seinen Umhängen. Myrddin zog die Runen naudiz, laguz und raido aus seinem Runenbeutel, legte sie auf seine Strin und konzentrierte sich auf die Steine. Bald zerrte der Wind nicht mehr an seinen Kleidern, keine Gischt peitschte mehr in sein Gesicht. Myrddin schob die Runen zurück in den Beutel und schritt unberührt vom toben der Elemente um ihn herum zu dem kleinen Ruderboot, das er in der kleinen Bucht festgemacht hatte.
Als er das Boot erreicht hatte verdoppelte Myrddin die laguz Rune in seinem Spruch, legte alle vier Runen auf die Holzplanke und konzentrierte sich erneut. Dann schob er das Boot in die gewaltige Brandung. Heftiger Regen setzte ein. Die riesigen Wellen warfen ihn hin und her, doch mit jedem Ruderschlag kam er an Tiaracht näher, als würden die Wellen um ihn herum gerade im rechten Augenblick zurückweichen oder ihn von gefährliche Felsen forttragen. Völlig erschöpft, aber unversehrt erreichte Myrddin die Insel und erklomm die steilen Hänge des felsigen Eilands, nachdem er sein Boot festgemacht hatte so gut es eben ging. Er musste auf Tyr vertrauen, wenn er hoffen wollte das Boot später intakt wiederzufinden. Bald würde Tyr ihm seine Lektion vorhalten, da war sich Myrddin sicher, straffte sich und schritt er weiter. Doch auf das was er kurz darauf vorfand war er nicht vorbereitet.
Diarmid hatte ein Lager erreichtet, doch nicht für sich allein, sondern für zwei. Der Sturm der letzten Tage hatte das winzige Baumhaus völlig zerstört, dass er unter einer verkrüppelten Eibe, die im Schutze eines Felsvorsprungs dem ständigen Wind trotzte, eingerichtet hatte. Unter abgeknickten Zweigen lag Diarmid. Sein Rücken war verbrannt. Taranis Blitze fehlten nie ihr Ziel. Doch unter Diarmid lag eine junge Frau, gerade so, als hätte Diramid sie beschützen wollen. Nur ihr Gesicht schaute unter dem weiten Umhang Diarmids hervor. Ihr Haar war pechschwarz, ihre Haut war von bonzener Farbe dennoch blass. Die Augen waren geschlossen, doch Erschöpfung und Tod lagen in dem Ausdruck ihres Gesichts. Plötzlich hörte Myrddin ein leises Wimmern. Irritiert rollte Myrddin Diarmids Leichnam beiseite und hielt verstört inne. Im Schoss der jungen Frau lag ein neugeborenes Kind noch über und über mit Blut beschmiert. Minutenlang starrte Myrddin auf das kleine Bündel neuen Lebens inmitten des Todes um es herum. Myrddin hatte erwartet, das Tyr ihn strafen würde für seinen Fehler, ihm den Tod seines Schülers vor Augen führen würde, an dem er selbst in seiner Ignoranz schuld war. Er fühlte, dass der Körper der jungen Frau noch Wärme in sich trug, legte das Kind in ihre Brust wo es gierig zu trinken begann. Auf Mutter und Kind legte er je eine berkano Rune und deckte beide mit Diarmids Umhang zu. Myrddin runzelte die Strin. Was wollten die Götter ihm hiermit auftragen? Sollte er dieses Kind nur nach Eirè bringen, oder sollte er es am Ende noch als neuen Schüler aufnehmen, wenn die Zeit gekommen war? Sollte er es gar aufziehen? Er blickte auf die Szenerie vor sich. Es war sein Fehler gewesen Diarmid zu etwas erziehen zu wollen, für das er nicht geschaffen war. Es war Diarmids Fehler gewesen nicht seinen eigenen Weg zu gehen, sondern sich ungeduldig aber bequem immer einen Weg zeigen zu lassen. Welchen Fehler die junge Frau begangen hatte vermochte Myrddin nicht zu erraten, doch das sie so weit der Heimat auf diesem einsamen Felsen stranden musste um ein Kind zur Welt zu bringen ließ ihn annehmen, dass auch sie ihre Last zu tragen hatte. Und das Kind? Das Kind führte alle diese Fehler zu einer neuen Chance zusammen und würde drei Schicksale in sich tragen. Er nickte. Seine Lektion war hiermit nicht beendet. Er würde dieses Kind aufziehen, würde eine Amme suchen und sorgfältig prüfen, ob es in jungen Jahren den Weg eines Druiden allein finden würde. Nur dann würde er es erziehen in diesem Sinne. Den letzten Fehler, den unbekannten Fehler der Mutter würde das Kind selbst korrigieren müssen, dies würde die Aufgabe seines Lebens sein. Myrddin seufzte. Er nahm das Kind auf den Arm und blickte über die immer noch stürmische See und in den tiefschwarzen Himmel. Ich nenne dich Cairan, der Dunkle, weil du an einem Tag der Eibe, des Todesbaums, und unter einer Eibe geboren bist und dieser Tag so düster erscheint, wie in dem dichtesten Eibenwald. Der Tod wird dir ebenso wie das Leben ein ständiger Begleiter sein, genauso wie heute am Tag deiner Geburt. Doch gräme dich nicht, Cairan an Tiaracht, denn jeder Tod ist ein neuer Anfang. Du wirst das eines Tages verstehen....
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