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Ramses stand auf dem Balkon seines Dienstzimmers im Palast. Er blickte nachdenklich über Alexandria. In der Ferne, beim Hafen, konnte er den majestätischen Anblick des fast weißen Leuchtturmes von Pharos genießen. Wochen und Monate hatte er mit dem Studium der Geschichte seines Volkes verbracht, und in seiner Unterkunft stapelten sich die Papyri, Steintafeln und kleinere Stelen. In Hieroglyphen und in hieratischer Keilschrift waren diese mit der Geschichte und Kultur Ägyptens, des Landes der Götter, angefüllt, gelagert in der großen Bibliothek von Alexandria, bis er sie für sein Selbststudium genutzt hatte.
Er genoss den zarten Windhauch, der ihm durch sein lockiges, langes Haar fuhr, bevor er seine dunkelbraunen Augen von der Stadt abwandte. Langsam schritt er wieder in den Raum.
„Nun denn, werter Thu, mein getreuer Schreiber…“ begann Ramses die Worte an den im Schneidersitz vor ihm kauernden, mit Papyrus und Griffel bewaffneten, jungen Schreiber zu richten, „…lass uns beginnen.“
„Ja, hoher Herr, ich bin bereit.“
„Gut… - Chronik des Kemet, erzählt von Ramses, Wesir des Inneren unter unserem geliebten per-aa Raziel im dritten Monat des Schemu des achten Jahres der Herrschaft des per-aa Raziel.“
Ramses räusperte sich kurz.
„23 Jahre nach dem Tode des großen Alexander, nach kurzer, dunkeler Zeit, erstand das ägyptische Reich, das Kemet, wieder auf unter der Führung des ruhmreichen Perikles Ptolemaios. Nicht einmal ein Jahr später wurde das erste, neue ägyptische Heer ausgehoben, um in den kommenden Schlachten dem Reich zu neuem Ruhm zu verhelfen. Die Seuche im zweiten Jahr des Perikles sollte sich als tückischer Gegner entpuppen, denn im fünften Amtsjahr erlag der Herrscher den Spätfolgen seiner Krankheit und musste sein Amt niederlegen. Sein Nachfolger wurde Raziel, der junge Krieger aus der östlichen Wüste. Von Geburt her kein Ägypter übernahm der junge Krieger stolz die Herrschaft über das Land und das Volk.“
Er machte eine kurze Pause. „Du kannst folgen?“ fragte er Thu, der fleißig den Schreibgriffel schwang.
„Ja, Herr, ich kann…“
„Gut, dann also weiter: Unter der weisen Führung des per-aa Raziel wuchs und gedieh das schwarze Land, gesegnet von den Göttern und geliebt von seinen Einwohnern. Gewinnbringender Handel, Räuber oder gute Ernten, Nichts konnte dem stolzen Volk der Ägypter etwas anhaben. Doch auch Raziels dunkelste Stunde sollte alsbald folgen.
So verstritt er sich mit seinen Beratern, und so geschah es, dass nur dreieinhalb Jahre nach Beginn der Herrschaft das Volk zwiegespalten wurde. Shaahin und Sherit, die Wesire und engsten Vertrauten des jungen Herrschers, wandten sich von ihrem Gottkönig ab. Sie verließen das Land und waren fortan nicht mehr gesehen.“
Der Wesir machte erneut eine Pause und genoss einen Schluck kühlen Wassers. Seine trockene Kehle war zu durstig nach dem langen Wortschwall, und so genoss er jeden Tropfen des kühlen Nass.
„Das Schicksal wollte es jedoch, dass viele Krieger dem Pharao treu blieben. Bereits verloren geglaubte Ländereien wie Judäa, der Sinai und vergleichbare Ländereien im Osten und Norden des Reiches wurden erobert. Unter seiner Herrschaft blühte jedoch nicht nur das Waffenhandwerk auf, sondern auch Kunst, Kultur und der Handel…“
„Herr, bitte, darf ich einen Schluck trinken?“ unterbrach der Schreiber ihn kurz.
„Aber natürlich, bedient Euch!“ Mit diesen Worten reichte Ramses ihm einen Krug mit Wasser.
„Danke, Herr.“ Nachdem sich Thu, der Schreiber, am Wasser gelabt, sich in eine bequemere Position gesetzt und den nächsten Papyrus auf sein Schreibbrett gelegt hatte sah er den Wesir auffordernd an.
„Ähm, wo waren wir… - ach ja, genau: Die Gunst der Götter führte zur Bildung einer Rats-Regierung, die den per-aa in allen Fragen unterstützen und beraten sollte. Doch auch dies sollte noch zu Schwierigkeiten führen. In seinem siebten Jahr als Herrscher ereilte ihn während eines Feldzuges der Atem des Seth in Gestalt von Verrat. Nicht nur, dass eines der Ratsmitglieder den Feind in Kenntnis setzte, was eine verheerende, erste Niederlage der Armeen des Sohnes des Re zur Folge hatte. Nein, auch fremde Heerscharen fielen niederträchtig unter der neutralen Handelsflagge über den nördlichsten Punkt des Reiches her. Doch auch diese kurzen Rückschläge ließen unseren Herrscher von Ober- und Unterägypten, den Sohn des Re, geliebt von Osiris, gestärkt erneut eine Ära des Erfolges einläuten.“
Ramses pausierte noch einmal. Er dachte intensiv über die nächsten Worte nach. Dies sollte die Chronik seines Volkes werden. Ehrlich, ungeschminkt und korrekt wollte er nicht nur seinen Namen, sondern auch den seines Pharao verewigen. Nur, wenn der Name überlebt, er auch in Jahrhunderten oder Jahrtausenden noch ausgesprochen werden würde, könnten sie auf ewig in der Nachwelt leben.
„Unser per-aa Raziel, hitzköpfig, ungestüm, kraftvoll und entschlossen, möge Wohlgefallen finden an diesen Worten seines treuen Wesirs, niedergeschrieben für die Ewigkeit, vor Beginn eines neuen Feldzuges. Möge Anubis reiche Ernte halten, möge Isis über unsere Körper wachen und Osiris uns zum Sieg führen!“
Mit diesen Worten schloss Ramses. „Ich diktiere Dir nach dem Feldzug weiter, Thu. Sofern ich zurückkehre. Und wenn nicht, so habe ich wenigstens etwas hinterlassen…“ Ramses nickte nachdenklich seinem Schreiber zu. „Verwahre diese Papyri gut, sie werden die Geschichte unseres Volkes für die Nachwelt enthalten, gut bewahrt in der großen Bibliothek.“
Thu stand auf, rollte die Papyri ein, verstaute sein Henna-Töpfchen und die Griffel in den Taschen an seinem Gurt, verneigte sich tief und sprach: „Vertraut mir, mein Herr. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung, wenn ihr aus dem Kriege zurück seid. Möge Horus über Euch wachen, ehrenwerter Wesir!“
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