Thanatos kaute auf einem Stück trocken Brot und grübelte über die vergangenen Tage. Die Expedition neigte sich langsam dem Ende zu und es war nur gut und recht sich ein paar Gedanken zur aktuellen Lage zu machen.
Die Strafoperation gegen die Kilikier hatte nach einem anfänglichem Kräftemessen schnell jeglichen Reiz verloren, so dass man sich den Kappadokiern zugewandt hatte. Doch auch diese hatten nach dem Anfangsgefecht die Schlacht gemieden und lieber eine große befestigte Garnison nebst Heer aufgelöst und die Phrygier zur Hilfe gerufen.
"Notier mal was." sagte er laut und bestimmt zu seinem verantwortlichen Kriegstagebuchschreiber.
"Notiz: zukünftige Prüfung ob die Dienste der Amazonen auch für Nicht-Kappadokier und Nicht-Kilikier verfügbar sind und was diese kosten.
Anmerkung: diverse Leibesdienste sind, grundsätzlich, als Bezahlung nicht angemessen, aber, im eventuellen Einzelfall und nach vorheriger Absprache, vielleicht, bei gegenseitigem Einverständnis, unter Umständen in Betracht zu ziehen."
"Hast du das?"
Der Schreiber schaute etwas verwirrt, nickte aber eifrig.
"Gut, das war's erstmal."
Mit einem kargen Schluck Wasser spülte er die Reste des Brotes hinunter und dachte an die Ereignisse unmittelbar vor der zurückliegenden Schlacht.
Von den unverteidigten und aufgegebenen Eisenminen kommend, hatte man ein großes phrygisches Heer ausgemacht, welches sich scheinbar auf kilikischem Boden bewegte.
Dies hatte für einige Diskussionen gesorgt, da von einer Kooperation der wilden Amazonenstämme mit den Seeräubern nichts bekannt war. Thanatos vermutete zuerst einen Fehler in den Berichten, es wäre beim Nebel des Krieges nicht ungewöhnlich.
Er konnte sich kaum vorstellen das die kriegerischen Weiber sich als Söldner verdingten und da sie wohl in der Vergangenheit den Kilikiern feindlich gegenüberstanden, war ein Freundschafts- oder Vasallendienst wie für die Kappadokier unwahrscheinlich.
Letztlich wurden die Späherberichte bestätigt und man beratschlagte wie es weitergehen sollte.
Zwar hatte das ägyptische Heer seine Ziele fast erreicht, doch waren dabei größere Konfrontationen selten gewesen. Und nun bot sich die Gelegenheit einem kampfstarken Heere gegenüberzutreten und trotz widriger und ungünstiger Umstände die eigenen Fertigkeiten in der Hitze des Kampfes zu schärfen.
Thanatos hatte sich einige Gedanken um die Versorgung der Truppen gemacht. In den letzten Tagen war es zunehmend schwieriger gewesen sich ausreichend aus dem Lande zu ernähren, was zum Teil an der kappadokischen Taktik der verbrannten Erde gelegen hatte, zum Anderen auch daran das diese Gegend selbst kaum Möglichkeiten bot ein großes Heer entsprechen zu unterhalten.
Doch die Alternative zum Kampf im Süden, wäre ein wenig ehrbarer kampfloser Rückzug oder ein langer und ebenso harter Umweg gewesen und besser eine ordentliche Schlacht ausfechten, als dem Kräftemessen ewig auszuweichen.
Der ägyptische Rat hatte sich deswegen entschlossen die kilikische Provinz anzugehen und damit eine größere Konfrontation zu riskieren.
Und so standen sich die Ägypter und Phrygier erneut auf dem Schlachtfeld gegenüber.
Trotz anfänglicher Übermacht, begannen sich die schlechte Versorgung und der Schwund an der Kampfmoral zu zeigen. So gelang es den Amazonen in zähem Ringen den Kampf an sich zu reißen und die ägyptischen Verbände zum Rückzug zu zwingen. Dadurch verteidigten sie das Land ihrer neusten Vasallen oder Herren, Thanatos war sich diesbezüglich noch immer nicht so sicher.
Er selbst hatte im Laufe der Schlacht einige schmerzhafte Wunden austeilen können, aber auch einstecken müssen, genoss jedoch den fordernden Schlagabtausch.
Nachdem sich die ägyptischen Truppen gesammelt hatten, versorgte man die Verwundeten, betete und opferte für die Gefallenen beider Seiten.
Danach kam der Rat zusammen, um über das weitere Vorgehen zu sprechen und um die neusten Nachrichten aus der Heimat zu bewerten.
Scheinbar waren die Seeräuber, nachdem sie die Verteidigung ihrer Länder aufgegeben und Anderen überlassen hatten, im Begriff über die unbeteiligten und schutzlosen Libyer herzufallen.
Mit finsterer Miene fragte sich Thanatos ob es immer so wäre, dass die Stärkeren die Schwächeren dominierten, nur damit diese sich noch Schwächere suchten um diese selbst zu beherrschen. Scheinbar war dies der Lauf der Dinge.
Über diesen Gedanken sinnend, schlummerte Thanatos ein.
Morgen würde er das Heer erneut auf den Marsch schicken.
Er hatte sich etwas vom Gros abgesondert und schaute zufrieden auf die marschierenden Kolonnen.
Deutlich besser, dachte er.
Die gesamte Expedition verlief an sich zufriedenstellend, die Kilikier mussten für ihren Überfall auf Polis bezahlen und es gelang karrenweise Kupfer und Eisen zu erbeuten, auch wenn dies sicher für einigen Unmut sorgte und man in Zukunft vielleicht über eine reibungslosere Tribut- oder Handelsabwicklung nachdenke musste.
Ein breiten Grinsen stahl sich auf sein Gesicht und Thanatos musste sich beherrschen nicht laut loszulachen...der Gedanke daran dass der Heerzug bis zum Eintreffen des Pharaos hervorragend verlief, belustigte doch ungemein... Etwas unsicher schaute Thanatos sich um, seine Heiterkeit könnte leicht falsch aufgefasst werden, doch bis auf seine Leibgarde schien es niemand mitbekommen zu haben. Und die handverlesenen Wachen taten ihr Bestes professionell die Gegend im Auge zu behalten, wobei ein kurzer Blickkontakt hier und da ihm sagte, das seine gute Stimmung durchaus geteilt wurde, auch wenn vielleicht nicht auf Grund des gleichen Gedankens.
Der kurze Moment des Frohsinns verflog aber sogleich, als Thanatos unwillkürlich an den letzten Heerzug denken musste.
Karthago.
Die schmerzliche militärische Niederlage hatte sich zwar als politischer Erfolg herausgestellt, doch nagte die Erinnerung an den langsamen, verstreuten, schleppend schleichenden Rückzug durch die gnadenlose Wüste noch immer an ihm.
Aber Vater sagte ja immer: Eine Niederlage im fairen Kampfe stärkt den Charakter...stärkt Körper und Geist, manchmal mehr wie jeder Sieg. Im Laufe der Zeit und mit wachsender Erfahrung entfaltete sich die volle Weisheit oder eher Wucht dieser simplen Worte, besonders seit der Rückkehr nach Alexandria.
Danach hatte man die Truppen neu aufgestellt und ausgebildet.
Hatte härter trainiert, um Alle an Entbehrungen und Schmerz des Kriegerseins zu gewöhnen.
Ja heute waren sie auf einer Strafexpedition...und vielleicht würde einigen der vorbeiziehenden Krieger irgendwann bewusst werden, gegen wen diese Strafe alles gerichtet war.
Es lag noch ein langer Weg vor ihnen.