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Lyssandra hatte sich vor einigen Tagen von der Truppe verabschiedet und war südwärts geritten. Alastor war noch im Norden geblieben, und in seinem Auftrag sollte sie nach den Gefangenen schauen. Schließlich, nach endlos scheinenden Tagen, erreichte sie das Lager der Sarmaten südlich von Kasary. Mehrere Dutzend Jurten standen recht eng beeinander, am Rand flankiert von den Wagen, die die Sarmaten oft mitführten auf ihren Kriegszügen. Die Pferde hatte man direkt neben dem Lager zusammengetrieben, einige Wachen hatten ein Auge auf die Herde. Nicht nur dort, auch um das Lager herum konnte Lyssandra mehrere Wachen erkennen. Das Lager schien gut gesichert, und die Rothaarige nickte zufrieden.
Die Krieger hatten die rothaarige Sarmatin schon von weitem erkannt. Zwei junge Burschen liefen ihr entgegen, einer kümmerte sich auf ihr Geheiß hin um ihr Pferd. Der andere führte sie in das Lager zu einer der größeren Jurten. Das Gemurmel der Sarmaten irritierte sie; ebenso die Blicke und das Getuschel. Ein ungutes Gefühl beschlich sie und ihr Instinkt sagte ihr, dass hier etwas nicht stimmte. Nur was, das konnte sie im Moment noch nicht ausmachen.
Der junge Bursche verschwand in der Jurte, kam nach wenigen Augenblicken heraus und verschwand blitzschnell. Stirnrunzelnd sah Lyssandra ihm nach, dann wurden ihre Gedanken von einem Gruß unterbrochen.
"Ich grüße dich auch, Kanita. Was ist hier los?" Ihre Stimme klang ungewollt schroff, aber das ungute Gefühl in ihr verlangte nach Erklärungen. Der Angesprochene verzog das Gesicht, druckste herum und rückte schließlich mit der Wahrheit heraus. Lyssandra glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Einer der Gefangenen war geflohen, hatte dabei zwei Sarmaten getötet und ein Pferd gestohlen. Kanita beeilte sich zu versichern, dass man die Wachen verstärkt hätte, die beiden gefangenen Frauen noch in Gewahrsam wären. Die eine Rothaarige hätte wohl versucht zu fliehen, aber es war ihr nicht gelungen. Die andere, die sich bei ihrer Gefangennahme bereits in anderen Umständen befunden hatte, hatte in den Wintermonaten ihr Kind zur Welt gebracht. Dem geflohenen Fenni wäre man ein Stück gefolgt, die Spuren führten in den Norden, man hatte die Verfolgung dann aber aufgegeben.
Kanita schwieg irgendwann, und stand mit gesenkten Kopf vor der Frau des Balchon. Diese musste erstmal tief Luft holen. Sie hob die Hände gen Himmel, als wollte sie die Götter fragen, warum diese ausgerechnet sie mit solchen Nachrichten strafen mussten. Ihr Blick wanderte zur Seite; fast schien es, als würden sich die wenigen, die sich neugierig in Hörweite gewagt hatten, eilends verschwinden. Jeder im Lager, und vor allem Kanita, erwartete ein Donnerwetter, das nun über sie hereinbrechen würde. Noch einmal holte Lyssandra Luft, atmete hörbar aus und fragte dann erstaunlich ruhig.
"Wurden die getöteten Wachen bestattet und ihre Familien benachrichtigt?" Ein eiliges Nicken war die Antwort. Noch immer wagte Kanita nicht den Kopf zu heben. Die Rothaarige ging einfach an ihm vorbei in die Jurte. Viel Luxus gab es da nicht. Um die Feuerstelle herum lagen einige Kissen verstreut, im hinteren Teil lagen Felle. Als sie wieder herauskam, schickte sie Kanita mit einem "Ich brauche deine Jurte, such dir einen anderen Schlafplatz!" erst einmal weg.
Kurze Zeit später setzte sich sich nachdenklich auf eines der Kissen und wärmte sich am Feuer auf. Jetzt, wo ihr Körper zur Ruhe kam, merkte sie auch die Strapazen des langen Ritts und der vielen Kämpfe, die sie in den letzten Monaten bestritten hatten. Sie lächelte bei dem Gedanken, dass sie wohl doch nicht mehr die Jüngste war, und sich womöglich schonen müsste. Dann jedoch kreisten ihre Überlegungen wieder um die gefangenen Fenni, und mündeten schließlich in eine Entscheidung.
Die Rothaarige erhob sich, vergrub ihr Schwert unter den Fellen, und ging hinaus. Sie gab zwei Kriegern knappe Anweisungen und verließ anschließend das Lager. Ein Stück entfernt war ein Fluss, dessen eisige Fluten begierig nach ihrem nackten Körper schwappten, ihn vom Schmutz der letzten Tage und von aller Müdigkeit befreiten. Fröstelnd und mit blauen Lippen huschte Lyssandra wieder zu ihren Sachen, trocknete sich kurz ab und zog sich schnell an. Langsam wich die Eiseskälte einer angenehmen Wärme.
Zurück in der Jurte, die sie in Beschlag genommen hatte, seufzte sie vor Freude. Jemand hatte einen kleinen Topf mit Wasser über das Feuer gehangen und eine Schüssel mit Bansh hingestellt. Wunderbar, dachte sie sich, da fühlt man sich doch gleich wieder wie zu Hause. In einem Korb neben der Schüssel befanden sich mehrere mittelgroße Schalen, etwas Fladenbrot und einem Säckchen. Als Lyssandra das Band löste, jauchzte sie vor Freude und zwei kleine Stücken Eezgii verschwanden in ihrem Mund. Sie schenkte sich etwas Kumys in einen Becher, brach sich ein Stück Brot ab, und als das Wasser kochte, warf sie die Bansh hinein. Nicht einmal die Stimmen vor der Jurte konnten sie davon abhalten, sich ganz und gar diesen lange vermissten Genüssen hinzugeben.
Dann wurde plötzlich der Türvorhang zurückgeschlagen. Die Sarmatin blickte auf, während sie sich ein weiteres Stück Brot abbrach, nickte und winkte die Gestalt herein.
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